„Ein Welpe muss möglichst viel kennenlernen.“
Diesen Satz höre ich immer wieder. Und ja – die Sozialisierung eines Welpen ist unglaublich wichtig. Neue Menschen, Geräusche, Untergründe oder Hundebegegnungen gehören dazu.
Was dabei aber oft vergessen geht:
Mehr ist nicht automatisch besser.
Viele Menschen fragen sich, woran sie erkennen, ob ihr Welpe überfordert ist.
Denn ein Welpe kann nur lernen, wenn er die Möglichkeit hat, das Erlebte auch zu verarbeiten.
Warum ich diesen Artikel geschrieben habe
Vor kurzem stand bei mir eine Einzelstunde im Welpentraining zum Thema Hundebegegnungen an.
Am Morgen schrieb mir die Halterin eine WhatsApp-Nachricht. Neben ihrem Haus wird gebaut. Die Geräusche kennt ihr Welpe bereits aus dem Garten. An diesem Tag hätte er die Baustelle aber zum ersten Mal auch gesehen – grosse Baumaschinen, Arbeiter und viele Bewegungen.
Ihre Frage war:
„Sollen wir uns fürs Training lieber an einem anderen, ruhigeren Ort treffen?“
Ich fand diese Nachricht grossartig.
Nicht, weil eine Baustelle grundsätzlich problematisch ist.
Sondern weil die Halterin begonnen hatte, ihren Welpen wirklich wahrzunehmen.
Vielleicht hätte ihn die Baustelle überhaupt nicht gestört.
Vielleicht aber doch.
Und genau das wollten wir nicht erst während des Trainings herausfinden.
Wir haben den Treffpunkt deshalb kurzerhand in den Wald verlegt. An einen Ort, den der Welpe bereits kannte und sich wohl fühlt. 
Deshalb geht es im Hundetraining nicht nur darum, was wir üben
Viele Menschen überlegen sich genau, welche Übung sie mit ihrem Welpen machen möchten.
Dabei wird etwas anderes häufig unterschätzt:
Unter welchen Bedingungen findet das Training überhaupt statt?
Ein Welpe, der gleichzeitig eine Baustelle verarbeitet, fremde Hunde beobachtet, neue Gerüche wahrnimmt und vielleicht noch ungewohnte Menschen um sich hat, hat schlicht weniger Kapazität, sich auf eine (neue) Aufgabe zu konzentrieren.
Für mich ist das einer der wichtigsten Grundsätze im Training.
Ich gestalte Übungen möglichst so, dass der Welpe viele richtige Entscheidungen treffen kann. Denn genau diese kann ich belohnen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er dieses Verhalten auch in einer ähnlichen Situation wieder zeigt.
Woran erkennst du, dass dein Welpe überfordert ist?
Jeder Welpe zeigt Überforderung etwas anders.
Mögliche Anzeichen können sein:
- dein Welpe möchte nicht mehr weiterlaufen
- er zieht plötzlich stark an der Leine oder möchte nur noch weg
- er beisst in die Leine
- er nimmt keine Leckerlis oder kein Spielzeug mehr an
- er reagiert kaum noch auf dich
Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas Schlimmes passiert ist.
Es zeigt aber, dass dein Welpe gerade mehr Eindrücke verarbeiten muss, als ihm in diesem Moment guttun.
Sozialisierung bedeutet nicht, möglichst viele Reize gleichzeitig
Wenn Menschen ihren Welpen sozialisieren möchten, entsteht manchmal das Gefühl, möglichst viel erleben zu müssen.
Heute in die Stadt.
Morgen an den Bahnhof.
Übermorgen ins Restaurant.
Dazwischen noch möglichst viele Hundebegegnungen, verschiedene Menschen und neue Situationen.
Die Angst dahinter verstehe ich gut.
Niemand möchte später denken: „Hätten wir nur mehr gemacht.“
Aus meiner Sicht geht es aber nicht darum, möglichst viele Reize in möglichst kurzer Zeit zu sammeln.
Sondern darum, Erlebnisse so zu gestalten, dass dein Welpe sie auch verarbeiten kann.
Eine gute Sozialisierung bedeutet deshalb nicht, einen Welpen möglichst vielen Reizen auszusetzen.
Ein Welpe muss nicht möglichst viel erleben. Er muss lernen, mit dem Erlebten gut umzugehen.
Ein junger Hund erlebt unsere Welt zum allerersten Mal.
Was für dich völlig normal ist, kann für ihn etwas völlig Neues sein.
Wenn wir die Welt einmal aus den Augen eines unerfahrenen Welpen betrachten, fällt es oft leichter zu verstehen, warum weniger mehr ist.
Ein Welpe muss nicht alles in den ersten Wochen kennenlernen
Natürlich gibt es sensible Entwicklungsphasen. Deshalb ist eine gute Sozialisierung wichtig.
Das bedeutet aber nicht, dass dein Welpe innerhalb weniger Wochen alles gesehen haben muss.
Viel wichtiger ist, wie er etwas erlebt.
Ein ruhiges, positives Erlebnis bringt häufig mehr als fünf neue Situationen an einem einzigen Tag.
Qualität ist auch hier wichtiger als Quantität.
Beobachte deinen Welpen statt starr einem Plan zu folgen
Ich wünsche mir, dass Menschen ihren Welpen nicht einfach durch eine Liste von Erlebnissen führen.
Sondern lernen, ihn zu beobachten.
Wie wirkt er gerade?
Kann er sich noch orientieren?
Ist er neugierig?
Oder ist heute vielleicht schon genug passiert?
Genau diese Beobachtung ist für mich der Schlüssel zu einem fairen und nachhaltigen Training.
Deshalb schreibe ich auch immer wieder darüber, dass Verhalten nicht losgelöst von der Situation betrachtet werden kann. Das gilt zum Beispiel auch bei Hundebegegnungen, über die ich bereits einen ausführlichen Artikel geschrieben habe.
Und auch beim Welpen alleine bleiben lernen spielt es eine grosse Rolle, ob ein Welpe überhaupt in der Lage ist zu lernen oder ob ihn die Situation bereits überfordert.
Fazit
Die Nachricht meiner Kundin hat mich sehr gefreut.
Nicht, weil wir den Trainingsort geändert haben.
Sondern weil sie begonnen hat, ihren Welpen bewusst wahrzunehmen.
Genau darum geht es für mich.
Nicht einfach einen Trainingsplan abzuarbeiten.
Sondern den Hund vor sich zu sehen.
Wenn ein Welpe bereits viele neue Eindrücke verarbeiten muss, bleibt oft weniger Kapazität, um zusätzlich noch etwas Neues zu lernen.
Deshalb gestalte ich meine Trainings so, dass sich der Welpe auf eine neue Aufgabe konzentrieren kann – und nicht auf fünf gleichzeitig.
Wenn du dir unsicher bist, ob dein Welpe gerade überfordert ist oder wie du neue Situationen sinnvoll aufbauen kannst, begleite ich euch gerne in einer Einzelstunde. Gemeinsam schauen wir deinen Hund an und passen das Training an ihn an – statt nach einem starren Schema vorzugehen.
Und wenn dir solche Gedanken rund um den Welpenalltag gefallen, findest du in meinem WhatsApp-Kanal «Entspannt ins Hundeleben» regelmässig Einblicke aus meinem Trainingsalltag, kleine Denkanstösse und praktische Tipps – oft genau so, wie die Geschichte, aus der dieser Artikel entstanden ist.

